Julex – Meine Geschichte
Eine Geschichte aus Köln

Julex

Meine Geschichte
Köln bei Nacht
Prolog

Bevor alles begann

Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, sehe ich zuerst Köln bei Nacht.

Nasse Straßen. Gelbe Lichter. Menschen vor Clubs. Musik, die durch geschlossene Türen drang.

Damals dachte ich, ich würde einfach nur feiern.

Ich wollte raus. Ich wollte dazugehören. Ich wollte lachen und für ein paar Stunden nicht darüber nachdenken, was zu Hause oder in meinem Kopf los war.

Ich wusste nicht, dass aus ein paar Nächten irgendwann eine Welt werden würde, aus der ich nicht mehr so einfach herauskam.

Mein Name ist Julex.

Und das ist meine Geschichte.

Kapitel 1

Köln bei Nacht

Köln sah nachts anders aus.

Tagsüber war die Stadt laut. Bahnen fuhren durch die Straßen, Autos standen im Stau und überall waren Menschen unterwegs.

Nachts bekam alles eine andere Farbe.

Die Straßen glänzten nach Regen. Vor den Clubs standen Gruppen von Menschen. Einige rauchten, andere lachten und wieder andere warteten einfach darauf, hineinzukommen.

Ich mochte dieses Gefühl.

Sobald ich nachts unterwegs war, fühlte es sich an, als könnte ich mein normales Leben für ein paar Stunden hinter mir lassen.

Zu Hause war vieles komplizierter.

Besonders mit meinem Vater.

Zwischen uns gab es Dinge, über die wir kaum sprachen. Wenn etwas schwierig wurde, wurde meistens geschwiegen.

Ich lernte irgendwann, meine eigenen Gefühle genauso zu behandeln.

Nachts musste ich nicht darüber nachdenken, was mit mir los war.

Erst kam Cannabis.

Am Anfang war es nur etwas, das wir manchmal machten. Nichts, worüber ich mir besonders viele Gedanken machte. Es gehörte irgendwann einfach zu unseren Abenden.

Dann kam Alkohol dazu.

Ein paar Drinks, laute Musik und dieses Gefühl, für ein paar Stunden alles andere vergessen zu können.

Später kam MDMA.

Damit veränderte sich etwas. Die Nächte fühlten sich intensiver an. Ich fühlte mich leichter, offener und irgendwie näher an den Menschen um mich herum.

Für ein paar Stunden war es, als würde alles andere nicht mehr existieren.

Und irgendwann kam Ketamin dazu.

Das war anders. Ich wusste schon damals, dass wir damit eine weitere Grenze überschritten.

Trotzdem blieb ich in dieser Welt, weil ich nicht darüber nachdenken wollte, wohin das alles führte.

Damals fühlte sich alles noch neu an.

Erst dachte ich, ich würde einfach nur feiern. Später verstand ich, dass ich eigentlich vor etwas davonlief.
Kapitel 2

Immer öfter

Aus einzelnen Nächten wurden Gewohnheiten.

Schon montags dachte ich an Freitag.

Meine Freundin schrieb meistens als Erste.

„Was geht am Wochenende?“

Ich musste meistens nicht lange überlegen.

„Wir gehen raus.“

Es fühlte sich noch nicht nach einem Problem an.

Andere gingen schließlich auch feiern.

Andere tranken.

Andere rauchten.

Also redete ich mir ein, dass bei uns alles normal war.

Mein Vater bemerkte irgendwann, dass ich immer später nach Hause kam.

„Wo warst du?“
„Unterwegs.“
„Mit wem?“
„Mit Freunden.“

Mehr wollte ich nicht sagen.

Meine Freundin war diejenige, die irgendwann aussprach, was ich selbst nicht hören wollte.

„Du bist irgendwie anders geworden.“

Ich lachte darüber.

Aber innerlich wusste ich, dass sie recht hatte.

Kapitel 3

Die neue Welt

Wir lernten immer mehr Menschen kennen.

Menschen, die wir vorher nie gesehen hatten und die nachts plötzlich wichtig wurden.

Es gab eine eigene Welt außerhalb von zu Hause.

Eine Welt aus Musik, Licht, Straßen und Menschen, die genauso wenig über den nächsten Morgen nachdenken wollten wie wir.

Cannabis und Alkohol gehörten längst dazu.

MDMA war nichts völlig Neues mehr.

Und Ketamin wurde ebenfalls Teil dieser Welt.

„Willst du das wirklich?“

Ich wusste es nicht.

Vielleicht wollte ich dazugehören.

Vielleicht wollte ich stärker sein, als ich mich eigentlich fühlte.

Oder vielleicht wollte ich einfach nichts mehr fühlen.

Je weniger ich fühlen wollte, desto mehr brauchte ich die Nacht.
Kapitel 4

Wir zwei

Meine Freundin und ich waren ein Team.

Wir konnten uns ansehen und wussten meistens, was die andere dachte.

Wir lachten zusammen, stritten zusammen und gingen zusammen durch die Nächte.

Wenn eine von uns Angst bekam, war die andere da.

Zumindest glaubten wir das.

„Findest du nicht, dass es langsam zu viel wird?“
„Wir haben doch alles im Griff.“

Wir sagten diesen Satz oft.

Vielleicht, weil wir ihn selbst glauben wollten.

• • •

Wir wussten beide, dass wir uns gegenseitig Halt gaben.

Aber wir wussten noch nicht, dass wir uns auch gegenseitig immer weiter hineinziehen konnten.

Kapitel 5

Zuhause

Zu Hause wurde die Stimmung immer angespannter.

Mein Vater stellte Fragen.

Ich gab kurze Antworten.

„Du kommst immer später nach Hause.“
„Ich bin halt unterwegs.“
„Das ist keine Antwort.“

Ich wurde schnell wütend.

Wütend zu sein war einfacher, als zuzugeben, dass ich selbst nicht mehr wusste, was mit mir passierte.

Also ging ich in mein Zimmer.

Mein Handy leuchtete auf.

„Freitag?“

Ich antwortete sofort.

„Klar.“
Kapitel 6

Freitag

Freitag fühlte sich irgendwann nicht mehr wie ein normaler Wochentag an.

Freitag war der Anfang von allem.

Ich machte mich fertig, hörte Musik und wartete darauf, dass wir losgingen.

Vor dem Club war es laut.

Menschen standen vor dem Eingang, lachten und rauchten.

Drinnen war die Luft warm.

Musik drückte gegen meinen Körper.

Licht bewegte sich über die Menge.

Für ein paar Stunden war mein Kopf still.

Genau dafür war ich dort.

Ich wollte nichts hören.

Nichts denken.

Nur für ein paar Stunden jemand anderes sein.

Kapitel 7

Immer später

Aus Mitternacht wurde vier Uhr.

Aus vier Uhr wurde sechs.

Und irgendwann war draußen wieder Morgen.

Wir liefen durch die Straßen, während andere Menschen zur Arbeit gingen.

Es war ein seltsames Gefühl.

Die Stadt wachte auf, während wir gerade erst nach Hause gingen.

Montags erzählte ich niemandem davon.

Ich sagte, ich sei einfach müde.

Eine kleine Lüge.

Dann noch eine.

Irgendwann fühlten sich die Lügen genauso normal an wie die Nächte.

Kapitel 8

Normal

Das Schlimmste war vielleicht, dass irgendwann nichts mehr besonders war.

Cannabis war normal.

Alkohol war normal.

MDMA war normal.

Ketamin war irgendwann auch nicht mehr völlig fremd.

Die Clubs waren normal.

Die Müdigkeit danach war normal.

Auch die Leere am nächsten Tag wurde normal.

„Wir machen das ja nicht jeden Tag.“

Dieser Satz beruhigte mich.

Heute weiß ich, dass „nicht jeden Tag“ nichts darüber sagt, ob etwas bereits dein Leben bestimmt.

Kapitel 9

Wir wussten es beide

Eines Abends saßen wir zusammen und meine Freundin war ungewöhnlich still.

„Was ist los?“
„Ich glaube, wir müssen aufhören.“

Ich wusste sofort, was sie meinte.

„Mit allem?“
„Ich weiß es nicht.“

Wir schwiegen.

Wir wussten beide, dass etwas nicht mehr stimmte.

Trotzdem gingen wir am nächsten Wochenende wieder los.

Genau darin lag unser Problem.

Wir wollten die Folgen nicht, aber wir wollten auch nicht aufhören.
Kapitel 10

MDMA

Eine Nacht blieb mir besonders im Kopf.

Die Musik war laut.

Das Licht bewegte sich über die Menge.

Für einige Stunden fühlte sich alles leicht an.

Keine Familie.

Keine Fragen.

Keine Vergangenheit.

Nur dieser eine Moment.

Aber jeder Moment endet.

Als es Morgen wurde, war dieses Gefühl verschwunden.

Ich lag später in meinem Bett und starrte an die Decke.

Ich wollte wieder dieses Gefühl von letzter Nacht.

Und genau da lag das Problem.

Kapitel 11

Der Tag danach

Der Tag danach war oft schlimmer als die Nacht.

Mein Zimmer war dunkel.

Mein Handy lag neben mir.

Nachrichten kamen.

„Alles okay?“

Ich schrieb:

„Ja.“

Wieder diese Lüge.

Später stand ich im Bad und sah in den Spiegel.

Ich erkannte mich.

Aber irgendwie auch nicht.

• • •

Meine Freundin wollte eine Pause.

„Wir sollten wirklich weniger machen.“

Ich nickte.

Aber ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde.

Kapitel 12

Die Clubs

Die Clubs waren irgendwann wie ein zweites Zuhause.

Ich kannte die Straßen.

Die Eingänge.

Die Musik.

Die Menschen.

Ich kannte sogar das Gefühl, wenn draußen langsam der Morgen kam.

Meine Freundin sagte irgendwann:

„Ich will nach Hause.“

Ich wollte bleiben.

Plötzlich fühlte sich das wie ein Streit zwischen zwei verschiedenen Leben an.

Eines davon wollte ich behalten.

Das andere wollte ich eigentlich zurück.

Kapitel 13

Neue Leute

Je länger wir in dieser Welt waren, desto mehr Menschen lernten wir kennen.

Einige verschwanden nach wenigen Wochen.

Andere tauchten immer wieder auf.

Es war eine Welt, in der niemand besonders viele Fragen stellte.

Vielleicht mochte ich genau das.

Niemand wollte wissen, was zu Hause los war.

Niemand fragte nach meinem Vater.

Niemand wollte wissen, warum ich so oft weg war.

Es war leicht, eine andere Version von mir zu sein, wenn niemand meine alte kannte.
Kapitel 14

Die Grenze

Es gab Grenzen, von denen ich früher gesagt hatte, dass ich sie niemals überschreiten würde.

Ketamin war eine davon.

Ich hatte mir selbst gesagt:

„Das bin nicht ich.“

Und dann stand ich irgendwann genau vor dieser Grenze.

„Nein.“

Meine Freundin sagte es sofort.

„Ich hab doch noch gar nichts gesagt.“
„Ich kenne dich.“

Ich wusste, dass sie recht hatte.

Trotzdem blieb ich.

Der Abend verschwamm.

Licht.

Stimmen.

Musik.

Und irgendwann dieses Gefühl, nicht mehr richtig bei mir zu sein.

Als ich später draußen stand, war die Luft kalt.

„Nie wieder.“

Ich sagte es.

Aber tief in mir wusste ich nicht, ob ich mir selbst noch glauben konnte.

Kapitel 15

Immer tiefer

Danach wurde es nicht plötzlich schlimmer.

Es wurde langsam schlimmer.

So langsam, dass ich es kaum bemerkte.

Meine Freundin merkte es.

„Du bist nicht mehr du selbst.“
„Doch.“
„Nein.“

Auch mein Vater sah, dass sich etwas verändert hatte.

„Ich erkenne dich nicht mehr.“

Dieser Satz tat weh.

Weil ein Teil von mir wusste, dass er recht hatte.

Ich hatte mich immer weiter von der Person entfernt, die ich einmal gewesen war.

Kapitel 16

Der schlimmste Abend

Es gibt Nächte, die man nicht vergisst.

Nicht weil sie schön waren.

Sondern weil sie einem zeigen, dass etwas nicht mehr funktioniert.

Wir waren wieder unterwegs.

Irgendwann verlor ich meine Freundin aus den Augen.

Ich suchte sie.

Schließlich fand ich sie draußen.

„Ich will nach Hause.“

Diesmal hörte ich ihr zu.

Wir gingen.

Draußen wurde es langsam hell.

„Ich kann das nicht mehr.“

Ich sah sie an.

„Dann hören wir auf.“

Es war kein großer Moment.

Keine Musik.

Kein Licht.

Nur zwei Menschen auf einer Straße in Köln, die plötzlich verstanden hatten, dass sie so nicht weitermachen konnten.

Kapitel 17

Die Wahrheit

Am nächsten Morgen konnte ich nicht mehr so tun, als wäre alles in Ordnung.

Ich ging nach unten.

Mein Vater saß dort.

„Setz dich.“

Ich setzte mich.

„Was ist los mit dir?“

Lange sagte ich nichts.

Dann kam ein Satz, den ich vorher noch nie laut ausgesprochen hatte.

„Ich glaube, ich habe ein Problem.“
„Was für ein Problem?“

Ich erzählte ihm alles.

Cannabis.

Alkohol.

MDMA.

Ketamin.

Die Clubs.

Die Lügen.

Die Nächte.

Die Angst.

Er sagte lange nichts.

„Warum hast du mir das nie gesagt?“
„Ich wusste selbst nicht, wie ich es sagen soll.“

Es wurde nicht plötzlich alles gut.

Aber zum ersten Mal war nichts mehr versteckt.

Die Wahrheit machte nicht alles leichter. Aber sie machte es möglich, etwas zu verändern.
Kapitel 18

Julex

Wenn ich heute an diese Zeit denke, frage ich mich manchmal, wann genau ich angefangen habe, mich selbst zu verlieren.

Vielleicht gab es keinen einzelnen Moment.

Vielleicht passiert so etwas langsam.

Eine Nacht.

Noch eine.

Eine Lüge.

Noch eine.

Und irgendwann merkt man, dass man längst viel weiter gegangen ist, als man jemals wollte.

Ich hatte Freiheit mit Flucht verwechselt.

Meine Freundin war ein Teil dieser Zeit.

Wir haben zusammen gelacht.

Wir haben zusammen geweint.

Wir haben Fehler gemacht.

Und irgendwann mussten wir beide lernen, dass Freundschaft nicht bedeutet, gemeinsam unterzugehen.

Auch mit meinem Vater musste ich neu anfangen.

Wir konnten die Vergangenheit nicht ändern.

Aber wir konnten anfangen, darüber zu reden.

Köln hatte sich währenddessen nicht verändert.

Die Straßen waren noch da.

Die Bahnen fuhren.

Nachts spiegelten sich die Lichter auf dem Asphalt.

Die Clubs waren noch geöffnet.

Die Musik war noch laut.

Aber ich sah die Stadt irgendwann mit anderen Augen.

Ich konnte an Orten vorbeigehen, die früher ein Teil meines Lebens gewesen waren, ohne wieder dorthin zurückzumüssen.

Ich verurteile das Mädchen von damals nicht.

Sie wollte dazugehören.

Sie wollte frei sein.

Sie wollte nichts fühlen.

Sie wusste einfach nicht, wie sie mit all dem umgehen sollte.

Aber irgendwann lernte sie, dass Weglaufen keine Lösung ist.

Ein Neuanfang bedeutet nicht, die Vergangenheit zu vergessen. Er bedeutet, sie nicht mehr zu wiederholen.

Julex ist der Name für diese Version von mir.

Für das Mädchen aus den Nächten.

Für das Mädchen, das dachte, alles unter Kontrolle zu haben.

Für das Mädchen, das irgendwann merkte, dass es Hilfe brauchte.

Aber Julex ist nicht nur die Geschichte von dem, was schiefgegangen ist.

Es ist auch die Geschichte davon, dass man zurückkommen kann.

Vielleicht nicht sofort.

Vielleicht nicht ohne Rückschläge.

Aber Schritt für Schritt.

Wenn ich nachts durch Köln gehe, sehe ich manchmal noch dieselben Lichter wie damals.

Dann denke ich an alles zurück.

Und gehe weiter.

Ich bin Julex.
Und das hier ist meine Geschichte.

Ende

Nicht das Ende meines Lebens.
Nur das Ende dieser Geschichte.

Julex – Meine Geschichte

Köln bei Nacht